klang.wort.biel - Workshop
Interview
Wie kann ich mir vorstellen, worum es in eurem Kurs geht?
Es geht um das Sprechen, dass wir frei und konkret, lustvoll und persönlich sprechen
können.
Ah schön, wie macht ihr das denn konkret?
Wir sprechen mit und von Gedichten und entfalten eigene Gedanken dazu. Wir bringen
Körper und Stimme in Bewegung, damit sie uns beim Sprechen tragen. Sprechen ist
schön. Darin klingt das Wort Schönheit mit, sprechen, sich bewegen – das Gedankliche
bekommt Körper und Stimme, ein wunderbarer Genuss. Und da gehört noch mehr dazu
als die Einzelteile Körper, Stimme und Gedanken: Der Mensch ist ein Tier, das sich
mitteilen möchte. Dem gehen wir auf den Grund. Das wollen wir als Ganzes erleben.
Ich bin Liebhaberin von Literatur und Gedichten. Aber was haben Gedichte mit
Eurer Arbeit zu tun?
Das Gedicht begegnet uns als ein Gegenüber. Jede und jeder liest es anders. Es wirkt
wie ein Spiegel. Darin entzündet sich unser schöpferischer Einfall; was wir Inspiration
nennen, können wir fast mit Händen greifen. Wir arbeiten dieser persönlichen Nähe
wegen gerne an Gedichten, finden heraus, was uns wichtig ist, und das gibt uns
Sprechstoff. Das brauchen wir immer, sei es in einem Gespräch, für einen Vortrag, beim
Präsentieren eines Textes usw. Das Gedankliche in mir ist der Pool, aus dem ich
spreche. Das gibt uns Sicherheit beim Sprechen. Damit beschäftigen wir uns im Kurs.
Lesen und Reden – Bewegen und Sprechen. Das gehört alles zusammen.
Es ist also doch so etwas wie ein Rhetorikkurs?
Sagen wir eher ein Rhetorik-Vorkurs. In der Rhetorik willst Du überzeugen, Du willst auf
andere einwirken. Du fragst Dich, wie muss ich es machen, damit meine Inhalte bei den
Zuhörenden ankommen? Es geht um Auftrittskompetenz, Skills ... . Wir fangen aber
einen Schritt früher an und schauen, wo unser Sprechen eigentlich beginnt. Worauf
reagieren wir wirklich, ganz individuell, was trifft uns im Kern und treibt uns um? Das
wollen wir erfahren und benennen. Davon wollen wir sprechen. Dieser erste Prozess
muss immer Grundlage von überzeugendem Reden sein. Wenn wir ihn durchschreiten,
gewinnen wir Präsenz und Authentizität. Uns leiten also Fragen wie: Wie inspiriere ich
mich? Was inspiriert mich? Wo ist der Quell meiner Begeisterung, was ist mir wichtig, in
eigene Worte zu fassen? Wie verbinden sich Intuition und Gedanken? Was und wo ist die
Basis, dass Sätze und Worte aus mir kommen? Wo ist eigentlich mein Körper, wenn ich
spreche? Das Ziel unserer Arbeit hat schon Goethe formuliert: «Hier bin ich Mensch,
hier darf ich sein».
Ui, viel Stoff, sehr schön. Und ist das eine Methode? Habt ihr bestimmte Techniken?
Ja, wir haben eine Methode entwickelt. Es ist eine Art Parcours, auf dem wir gedankliche
Auseinandersetzungen und Spiele mit körperlichen und stimmlichen Übungen verbinden.
Gedichte sind dabei so etwas wie unsere Wegmarken. An ihnen machen wir sprechbar,
was wir denken. Schrittweise kommen wir an die eigenen Inhalte heran und lernen
darüber persönlich zu sprechen. Methodisch sind das step by step aufeinander
aufbauende Übungen, die für jede und jeden unerwartete Ergebnisse hervorbringen.
Was sind das denn für Übungen?
Die muss man machen, die kann man nicht erklären. Sie sind einfach und in ihrer
Aneinanderreihung bestechend. Es sind Wege. Die einzelnen Übungen leiten sich aus
unseren Erfahrungen ab, aus der Stimm- und Theaterarbeit, aus der Philosophie, aus
Feldenkrais, Gesang und Rhetorik. Wir entwickeln die Übungswege ganz gezielt und
fokussieren darauf, dass das Sprechen bei uns selbst andockt. Am Ende eines Kurses
wollen wir als ganzer Mensch von dem sprechen, was uns wichtig ist.
Das klingt gut. Ich kann mir jetzt nur nicht vorstellen, wie ihr das macht, dass
ich ein ganzer Mensch bin?
Das bist Du ja schon!
Ist das ein psychologischer Kurs?
Nein. Das machen die Teilnehmer.innen mit sich selbst aus.
Aber wenn ich spreche, haut mir plötzlich der klare Gedanke ab, ich bekomme die
Wörter nicht raus – das ist doch Psychologie! Mein Selbstverständnis, sprechen zu
können, ist erschüttert, sobald mir bewusst wird, dass ich spreche. Könnt ihr mir
helfen?
Wir setzen uns ja aus vielen Aspekten zusammen. Dass sie zusammenwirken, daran
arbeiten wir. Wenn wir beginnen, genau zu denken, ereignet sich das Sprechen einfach.
Natürlich stärken wir die Stimme und fördern das Wohlgefühl beim Sprechen. Erfahrung
bringt Bewusstsein und einfache Übungen bringen viel. Was sich aber oft wie ein Wunder
anfühlt, ist, dass Stimme und Körper durch das Zusammenspiel der Übungen wie von
allein funktionieren. Auf die vertiefte Begegnung mit den Texten kommt es an.
Und das kann ich alles in einem Kurs bei Euch lernen?
Na Du kannst etwas von allem mitnehmen, nämlich das, was Du am meisten wünschst.
Eine konkrete Erkenntnis oder Impulse, mit denen Du weiteres anfangen kannst. Und
insgesamt auch die Stärkung der eigenen Kraft und die Lust am Sprechen. Der Workshop
öffnet den Weg und wir zeigen Möglichkeiten auf, ihn zu gehen. Sprechen ist ein wichtiger
Teil vom Leben. Deswegen werden auch wir nie fertig sein und immer weiteres entdecken.
Und so kommen manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch mehrere Male zu uns.